Warnung vor voreiliger Verurteilung

Fast vier Wochen lang habe ich an einem Artikel für meinen Blog gearbeitet, in dem ich die Problematik im Zusammenhang mit dem Umgang mit Homosexuellen Christen in Kirchen und Gemeinden hätte beleuchten wollen. Dabei wollte ich Pastoren und Gemeindeleitern Tipps geben, wie Sie mit Betroffenen einen besseren Umgang pflegen könnten. Aber ich musste abbrechen und die Datei bis auf weiteres im Ordner „Unvollendete Artikel“ verstauen, denn ich wollte mich primär an Christen wenden, welche die Bibel sehr traditionell und wörtlich auslegen. Nach stundenlangem Bibelstudium und diversen Gesprächen mit entsprechenden Personen musste ich jedoch feststellen, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt einfach nicht in der Lage bin, Argumente vorzulegen, die konservative Christen überzeugen könnten. Denn wenn man Homosexualität anhand der Bibel verurteilen will, kann man das problemlos tun. Genauso, wie man die Gleichstellung der Frauen untergraben oder die Haltung von Sklaven gutheissen kann. Jeder Versuch, die wenigen Bibelstellen, bei denen es angeblich um Homosexualität geht, anders bzw. differenzierter zu beleuchten, was durchaus möglich ist, wird sofort als „Verbiegung des Wort Gottes“ abgetan (mehr dazu in einem nächsten Artikel). Bislang konnte ich kein Argument finden, welches dieser „Killer-Phrase“ standhält. Ich glaube, dass das nicht nur ein Problem im Bezug auf Homosexualität ist, sondern ganz allgemein ein Knackpunkt für jegliche Glaubensfragen innerhalb der Gemeinde darstellt.

Meiner Meinung nach passiert hier ein Fehler: Viele Christen konzentrieren sich so sehr auf die wortwörtliche Auslegung der Bibel, dass sie manchmal den Bezug zum realen Leben aus den Augen verlieren. Zahlreiche Probleme und Nöte von Gemeindemitgliedern werden ausschliesslich anhand der Bibel analysiert. Und wenn dort etwas zum Thema zu finden ist, dann ist der Fall ja klar und bedarf keiner näheren Auseinandersetzung mehr. Momentan geschieht das mit dem Thema Homosexualität in vielen Gemeinden und Kirchen. Kaum jemand ist sich dabei bewusst, wie viel Schmerz und Leid damit angerichtet wird.

Salz in offene Wunden

Im Zusammenhang mit dem geplanten und dann weggelegten Artikel habe ich mich intensiv mit dieser traditionellen Haltung auseinandergesetzt, viel gelesen, gehört und mich mit Freunden aus diesen Kreisen unterhalten. Dabei fiel mir einmal mehr auf, wie unsensibel und pragmatisch diese Thematik oft abgetan wird. Man behandelt homosexuelle Menschen genauso wie Sexual- und andere Straftäter, fordert eine Umkehr von diesem „zerstörerischen Lebensstil“ und prophezeit Heilung von diesen Gefühlen – man muss es nur ernst meinen und Gott vertrauen.

Hier eine wichtige Bitte: Lasst uns niemals die grosse Not vergessen, die gläubige Homosexuelle ohnehin schon durchmachen. Ein paar Gedanken dazu:

  • Homosexuelle Menschen fühlen sich tragischerweise oft gerade in christlichen Kreisen völlig allein gelassen. Sie wissen nicht, an wen sie sich mit ihren Fragen wenden können, aus Angst, auf Ablehnung und Ausgrenzung zu stossen – eine Angst, die bis heute leider alles andere als Unbegründet ist, wenn man die vielen Geschichten von Menschen hört, die ihre Gemeinde aufgrund ihrer Homosexualität verlassen mussten.
  • Viele Homosexuelle machen sich ohnehin schon genügend Selbstvorwürfe und fühlen sich durch Ihre Erlebnisse und vielleicht durch gewisse Bibelstellen sündig und ungeliebt von Gott. Wenn das in Gesprächen oder aufgrund der Haltung der Kirche bestätigt wird, verschärft sich das Dilemma um ein Vielfaches – geholfen ist dabei niemandem.
  • Einem Homosexuellen zu sagen, sein Verhalten sei sündig und unnatürlich, ist ebenso absurd, wie einem chronisch Kranken Menschen zu sagen, dass seine Krankheit unnatürlich sei und er mit etwas mehr Glaube gesund werden könnte – natürlich eine fatale Falschaussage. Der Betroffene hat sich seine Gefühle bzw. seine Situation weder ausgesucht noch kann er das Geringste daran ändern.
  • Therapieversuche haben sich als erfolgloses Konzept erwiesen (lies dazu meinen Artikel «Der Kampf gegen mich selber»). Nur Gott allein kann Veränderung herbeiführen und dies immer in einem individuellen Prozess. Eigenartigerweise tut er dies nur äusserst selten, wenn überhaupt.

Aus diesen Gründen ist auch der altbekannte Spruch «wir lieben den Sünder aber hassen die Sünde» sehr verletzend für Homosexuelle, die zwischen sich und ihren Gefühlen keinen Unterschied machen können. Darüber hinaus ist diese Aussage nicht einmal biblisch. Wenn wir ehrlich sind, meinen wir damit nämlich, dass wir den Sünder lieben aber SEINE Sünde hassen sollen. Jesus hingegen lehrt viel mehr folgendes: «Liebe den Sünder und hassen DEINE Sünde». (Lies dazu Matthäus 7, 1-5)

Wenn es also ums Thema Homosexualität geht, müssen wir lernen, sehr vorsichtig, verständnisvoll und einfühlsam miteinander zu reden. Eine voreilige Aussage oder ein rasches Urteil kann den Betroffenen tief verletzen oder gar in eine Glaubenskrise oder Depression stürzen.

Kann man es nicht einfach stehen lassen?

Vor einigen Monaten bin ich beim Lesen der Bibel über das Kapitel 14 im Römerbrief gestolpert. Ich habe es wieder und wieder gelesen, und plötzlich löste sich in mir ein Knoten. Der Apostel Paulus schreibt hier, dass manches für den einen Christen falsch ist, während ein anderer kein Problem darin erkennt:

«Der eine macht einen Unterschied zwischen ´heiligen` Tagen und ´gewöhnlichen` Tagen; der andere macht keinen solchen Unterschied. Wichtig ist, dass jeder mit voller Überzeugung zu dem stehen kann, was er für richtig hält. [...] Genauso ist es bei dem, der alles isst: Er tut das, um den Herrn zu ehren, denn für das, was er isst, dankt er Gott. Und auch der, der bestimmte Speisen meidet, tut das, um den Herrn zu ehren.» (Röm. 14, 5-6)

Und später schreibt Paulus sehr treffend:

«So wird also jeder von uns über sein eigenes Leben vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Hören wir darum auf, einander zu verurteilen! Statt den Bruder oder die Schwester zu richten, prüft euer eigenes Verhalten, und achtet darauf, alles zu vermeiden, was ihm ein Hindernis in den Weg legen und ihn zu Fall bringen könnte. Durch den Herrn Jesus habe ich die volle Gewissheit, dass es nichts gibt, was von Natur aus unrein wäre. Für den allerdings, der etwas als unrein ansieht, ist es dann auch unrein.» (Röm. 14, 12-14)

Für mich war dies der Schlüssel für einen befreiten Umgang mit meinen Gefühlen. Obschon ich nach wie vor auf der Suche nach Gottes Wahrheit im Umgang mit meiner Homosexualität bin, sind diese Worte sehr heilsam für mich. Im Endeffekt muss ich mich alleine vor Gott verantworten und deshalb will ich mich anhand der Bibel immer wieder neu herausfordern lassen. Gleichzeitig achte ich darauf, dass ich niemanden in meiner Gemeinde verunsichere oder provoziere. Und letztlich ist es auch nicht meine Aufgabe, Gemeindeleiter von meinen Erkenntnissen zu überzeugen. Sie müssen Ihren Weg in dieser Thematik selber finden und gehen. Das einzige, was ich tun kann, ist, sie zu sensibilisieren, verständnisvoller mit Betroffenen umzugehen und die Thematik differenzierter zu betrachten. Mein Wunsch ist, das sich so die Situation für Homosexuelle in Kirchen und Gemeinden nach und nach verbessert.






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