Mein Leben zwischen Stuhl und Bank

Ich starte diesen Blog, weil ich nicht länger schweigen kann. Und obschon ich weiss, dass das, was ich hier preisgebe, mein Leben komplett auf den Kopf stellen kann, so habe ich letztlich doch keine andere Wahl als endlich meinen Mund zu öffnen und zu reden.

Mein Wunsch ist, dass Menschen von meiner Lebensgeschichte profitieren können. Dass ein schon lange verhärteter Disput zwischen mehreren Fronten aufgeweicht werden kann. Dass wir lernen, liebevoller miteinander umzugehen. Und dass durch diesen Blog vielleicht ein Mensch weniger Selbstmord begeht.

Mein Name ist Andreas; ich bin überzeugter Christ – und ich bin homosexuell.

Nein, ich habe mir diese Gefühle nicht ausgesucht.

Im Gegenteil: lange Zeit habe ich mit aller Kraft gegen diese gleichgeschlechtlichen Gefühle angekämpft. Im Alter von 12 Jahren entdeckte ich meine Anziehung zu Jungs, welche sich zuerst nur erotisch, sehr bald aber auch auf der Gefühlsebene bemerkbar machte. In den darauf folgenden 14 Jahren musste ich jedoch nach und nach erkennen, dass Homosexualität etwas ist, das ganz tief in einer Person drin ist. Egal, ob man nun davon ausgeht, dass es angeboren ist oder nicht.

Anfangs hatte ich mir auch meinen Glauben an Gott nicht ausgesucht. Ich wurde in eine gläubige, evangelisch-reformierte Familie hineingeboren und so war der christliche Glaube für mich lange selbstverständlich. Doch gerade weil ich aufgrund meiner homosexuellen Gefühle einfach nicht in dieses christliche Schema zu passen schien, musste ich mich sehr intensiv mit diesem Glauben, diesem Gott, Jesus und der Bibel auseinandersetzen. Heute bin ich Christ aus Überzeugung. Nicht, weil es mir so beigebracht wurde. Nicht, weil ich jemandem etwas beweisen muss oder mir keinen anderen Lebensstil vorstellen könnte. Ich bin Christ, weil ich davon überzeugt bin, dass ich Jesus brauche. Und dass alles wahr ist, was er gesagt und vorgelebt hat.

Doch, was mache ich jetzt mit meiner Homosexualität? Diese Frage beschäftigte mich bald Tag für Tag. Die Suche nach der Wahrheit, nach dem Grund, weshalb ich schwul bin und wieso diese Neigung einfach nicht weg zu therapieren ist (was ich während ca. 5 Jahren intensiv versucht habe), hat mich durch tiefste Sinneskrisen und Depressionen geführt. Ich konnte lange nicht verstehen, wieso Gott meine Gebete nicht erhört und mich einfach von diesen Gefühlen befreit hat. Ich habe immer wieder an der Existenz Gottes gezweifelt, weil er in diesen Fragen einfach konsequent zu schweigen schien. Bis mir der folgende Gedanke kam: Könnte es sein, dass die Tatsache, dass ich homosexuell bin, für Gott vielleicht gar nicht so schlimm ist, wie für manch einen Christen?

It get's better

Mein ganzes Leben wird ein Suchen nach Antworten und Lösungen bleiben. Ich bin noch lange nicht am Ziel. Aber eines weiss ich: Jesus liebt mich absolut uneingeschränkt und bedingungslos. Ich muss nicht mehr weiter nach dem «Warum» fragen, sondern viel mehr: «wozu?». Für Gott bin ich kein bisschen weniger wertvoll als die hochgelobtesten Theologen dieser Welt. Er hat mich erschaffen, er hat mich gewollt und er hat Gefallen an mir. Das ich schwul bin ist eine Tatsache, an der ich offensichtlich nicht das Geringste ändern kann. Und das weiss er.

Die Frage, wie ich nun als Christ mit meiner Homosexualität umgehen und leben soll, ist das Thema schlechthin, welches mich immer wieder beschäftigt. Und genau deshalb starte ich diesen Blog. Ich will meinen Weg dokumentieren. Ich will Erkenntnisse festhalten, Gelerntes weitergeben und mich mit Ratsuchenden, Gleichgesinnten und Experten in Sachen Homosexualität und Glaube austauschen.

Am wichtigsten sind mir hierbei die folgenden zwei Dinge:

  1. Ich will den Christen aufzeigen, dass Homosexuelle ganz normale Menschen sind, die, wie alle anderen auch, Platz in einer Kirche oder christlichen Gemeinde haben sollen, wo sie sich mit Ihren Gaben und Talenten einbringen dürfen.
  2. Den Homosexuellen möchte ich sagen: Gott liebt dich. Egal, wie sehr dich gewisse Menschen verletzt haben. Egal, wie lieblos dich gerade Christen oder Kirchenoberhäupter gekränkt und ausgegrenzt haben. Das ist mit Sicherheit nicht die Art, wie Jesus dich behandelt hätte. Er liebt dich bedingungslos.

Lass uns diesen Weg gemeinsam gehen.

Andreas, im Mai 2014






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