Hast du dich für die Homosexualität entschieden?

Die Mutter aller Fragen :). Das man homosexuelle Gefühle hat, ist keine bewusste Entscheidung. In den meisten Fällen bemerken es Jungs ca. im Alter zwischen 12 bis 16 Jahren, wenn die Pubertät einsetzt. Als ich in die Pubertät kam, stellte ich fest, dass alle meine Kollegen plötzlich die Mädchen unserer Klasse anhimmelten. Ich konnte denen aber irgendwie nichts abgewinnen. Und plötzlich, mit 12 Jahren, stellte ich fest, dass mich Jungs viel mehr interessierten als Mädchen. Zuerst nur rein erotisch, aber sehr bald auch gefühlsmässig. Das war für mich alles andere als eine erfreuliche Erkenntnis. Im Gegenteil, während den nächsten 4 Jahren habe ich das komplett ignoriert und einfach versucht, mich voll auf die Mädels zu konzentrieren. Leider ohne grossen Erfolg. Später musste ich dann einsehen, dass ich nicht in der Lage bin, an diesen Gefühlen auch nur das Geringste zu ändern. Erst mit 23 Jahren entschied ich mich bewusst dazu, meine Homosexualität akzeptieren zu lernen, worauf ich mich zu outen begann.

Woher weisst du, dass dir Sex mit Frauen nicht gefällt, obwohl du es noch nie ausprobiert hast?

Gegenfrage: Woher weisst du, dass dir gleichgeschlechtlicher Sex nicht gefällt, obwohl du es noch nie ausprobiert hast? Na also.

Wie fühlt sich das eigentlich genau an, schwul zu sein?

Interessanterweise ist das eine Frage, die immer wieder gestellt wird, wenn ich mich bei jemandem oute. Viele wissen zwar was Homosexualität ist, können sich aber nicht vorstellen, wie ein Homosexueller diese Orientierung erlebt. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Als Homosexueller empfindet man in Sachen Liebe, Gefühle und Erotik genau 180° das Gegenteil von dem, was Heterosexuelle empfinden. Als Typ finde ich Typen attraktiv, verliebe mich in sie, träume von ihnen. Frauen sind für mich sympathische Kumpels, mit denen ich oft sehr gute Freundschaften pflege. Ich habe auch schon mit Frauen getanzt, geflirtet und sogar welche geküsst. Aber wehe sie kommen mir körperlich zu nahe! Ab einem gewissen Punkt ist einfach zuviel des Guten, und dann ekelt es mich nur noch - genau gleich wie es einen Hetero Mann ekelt, wenn ihm ein anderer Mann zu nahe kommt.

Ein häufiges Missverständnis ist, dass sich Homosexualität - wie es der Begriff fälschlicherweise suggeriert - nur auf die Sexualität bezieht. Es ist aber viel umfassender und betrifft mein ganzes Fühlen, Denken und Handeln. Schwule sind oft sensibler und empathischer als Heterosexuelle. Sie scheinen die Welt ähnlich wie Frauen zu sehen, sind aber 100% Mann und fühlen sich auch durch und durch männlich. Ich zu meinem Teil kann heute mit Fug und Recht behaupten, dass ich meine Identität als Mann gefunden habe und mir darin absolut wohl fühle. Aber ich bin auch Homosexuell. Das ist einfach ein Teil von mir.

Möchtest du denn nicht Heterosexuell sein?

Ganz ehrlich? Klar möchte ich das. Ein Leben als Hetero ist zwar nicht zwangsläufig einfacher, trotzdem hätte ich viele der Probleme, denen ich jetzt täglich gegenüberstehe, nicht. Ich könnte eine Freundin haben und mit ihr Hand in Hand durch die Stadt spazieren, ohne dass mich irgendjemand abschätzig angucken würde. Ich könnte mit Ihr in die Kirche gehen und alle hätten Freude daran, dass wir uns gefunden haben. Und meine Eltern wären - je nach Freundin - stoltz auf mich und könnten die Heirat und die Grosskinder kaum erwarten. All diese romantischen Vorstellungen musste ich im Verlauf der letzten Jahre platzen lassen, weil ich Schwul bin. Ich bin mit Fragen und Herausforderungen konfrontiert, die mich an machen Tagen fast zu zerreissen drohen. Ich muss lernen, mich darauf einzustellen, dass mein Leben ein komplett anderes sein wird, als z.B. das meines älteren, mit einer Frau verheirateten Bruders. Und trotzdem glaube ich fest daran, dass ich mit Gottes Hilfe mein Leben auch so meistern kann. Er hat einen Plan mit mir, und ich weiss, dass auch ich selbst im Thema Liebe eines Tages mein Glück finden werde. Vielleicht nicht so, wie ich es mir früher vorgestellt hatte oder wie es manche Menschen von mir erwarten. Aber das ändert nichts an Gottes Liebe zu mir und das ist das einzige, worauf es ankommt.

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