Der Kampf gegen mich selbst

Als reformierter Christ mit freikirchlichem Hintergrund war für mich von Anfang an klar, dass ich meine homosexuellen Gefühle auf gar keinen Fall akzeptieren kann. Die Haltung meiner Kirche und meines gesamten Umfeldes zu diesem Thema kannte ich genau: Homosexualität wurde – und wird vielerorts heute noch – als Fehlentwicklung oder gar Krankheit definiert, wodurch ein solcher "Lebensstil" als gewähltes, dauerhaftes Leben in der Sünde gilt, welches zwangsläufig in der Selbstzerstörung enden muss.

Als diese Gefühle im Laufe meiner Pubertät massiv stärker wurden, geriet ich zunehmend in Panik. Natürlich wendete ich mich mit meinem Kummer zuerst an Gott. Über Jahre hinweg betete ich nahezu täglich, dass Er mich doch von meiner Homosexualität befreien möge. Mit jedem zusätzlichen Lebensjahr wurde meine Angst vor der Zukunft grösser. «Wenn ich 18 jährig bin, will ich hetero sein!», setzte ich mir zum Ziel. Am 19. Geburtstag erhöhte ich die Deadline auf 20. Als ich schliesslich 22 jährig war und sich ein Abklingen meiner homosexuellen Neigung nicht im Geringsten abzuzeichnen schien, verlor ich auf einmal den Mut. Dunkle Wolken zogen auf, mein bis dahin sehr fröhliches Gemüt begann, sich in einen immer dichter werdenden Nebel zu hüllen. Im Frühjahr 2009 geriet ich in eine Depression, die durch andauernde und sehr konkrete Selbstmordgedanken meine Lebensfreude zu erlöschen drohte.

Meine Mutter erkannte den Ernst der Lage und riet mir, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Das tat ich auch. Er war der erste Mensch, dem ich von meiner homosexuellen Neigung erzählte, da ich bis dahin aus Angst vor Ausgrenzung mit niemandem darüber sprechen konnte. Das war der Startschuss einer Therapie- und Seelsorgephase in meinem Leben, die ich im Nachhinein äusserst kritisch beurteile.

Verwechslung von Ursache und Wirkung

Der Psychotherapeut leitete mich an einen christlichen Seelsorger weiter, der sich auf Menschen, die ihre Sexualität als konflikthaft empfinden, spezialisiert hatte. Die darauffolgenden drei Jahre verbrachte ich in sehr intensiver Seelsorge, welche das Ziel verfolgte, den Ursprung meiner homosexuellen Neigung zu ermitteln und durch geziehlte Arbeit am entsprechenden Manko meine Homosexualität zum Verschwinden zu bringen. Die Schuldigen waren rasch identifiziert: Meine Mutter soll zu über-fürsorglich gewesen sein, mein Vater zu distanziert. Dies in Kombination mit dem grossen Altersunterschied zu meinem älteren Bruder, was mich dazu zwang, mehr Zeit mit meiner Schwester zu verbringen. Und schliesslich fanden wir auch noch das eine oder andere "Missbrauchserlebnis". Meinen ersten Kuss zum Beispiel musste ich mit 13 Jahren unfreiwillig mit einem 5 Jahre älteren Mädchen über mich ergehen lassen. Eine homosexuelle Entwicklung lag also quasi auf der Hand, so die Schlussfolgerung. Die Theorie wurde von weiteren Fachpersonen bestätigt, die ich in den Jahren zwischen 2010 und 2013 parallel zur Seelsorge konsultierte. Auch die Angebote meiner Gemeinde zur Befreiung von Altlasten, Erbsünden und Süchten nahm ich in Anspruch. Ich unterzog mich einer regelrechten "Seelen-Gesamtsanierung", deren zugrundeliegender Defekt einheitlich diagnostiziert wurde: Fehlentwicklung meiner Identität als Mann aufgrund Übermutterung, Untervaterung und anderen unglücklichen Fügungen. Diese Theorie entspricht übrigens – grob Zusammengefasst – der Meinung vieler Ex-Gay Bewegungen, die vorwiegend aus den USA stammen und vor einigen Jahren den Weg nach Europa gefunden hatten. Im Rausch der Hoffnung auf Veränderung meiner Orientierung glaubte ich viel zu naiv, was mir erzählt wurde. Ich machte mit, buchte allzu voreilig sämtliche Defizite in meiner Persönlichkeit auf das Konto der Homosexualität – und merkte nicht, wie ich dabei nicht nur meine der Mitschuld bezichtigten Eltern und Geschwister, sondern auch mich selber zunehmend in Mitleidenschaft zog.

Wohlgemerkt: Ich will hier auf keinen Fall alles verteufeln! Viele Aspekte der Seelsorge waren nicht nur hilfreich, sondern ausgesprochen notwendig. Denn durch die andauernden, schweren Selbstzweifel der letzten zehn Jahre meines Lebens hatten sich tatsächlich einige Mankos in meiner Identität gebildet: mein Selbstwertgefühl z.B. war ruiniert. In diesem Bereich erlebte ich echte, tiefe Heilung. Da sich allerdings an meinem eigentlichen Problem, meiner Homosexualität, nicht das Geringste veränderte, bin ich heute der Meinung, dass meine Therapeuten und ich die Frage nach Ursache und Wirkung konsequent verkehrt herum interpretiert haben. Rückblickend erkenne ich, dass es nicht diese Identitäts-Mankos waren, die meine Homosexualität entstehen liessen; es war meine Homosexualität, die diese Mankos verursachte.

Eingeständnisse

Angehörige und ehemalige Leiter von sogenannten Ex-Gay Bewegungen kommen heute nach und nach zu einem ähnlichen Schluss. Bekanntestes Beispiel ist wohl die christliche Seelsorgeorganisation Exodus International, welche sich weltweit für die "Heilung sexuell falsch orientierter Menschen" einsetzte. In den 1970er Jahren gegründet, therapierte Exodus tausende von Ratsuchenden nach genau dem vorhin beschriebenen Schema. Die Erfolge wurden fast euphorisch vermarktet: 30% der Klienten seien nach einigen Monaten "geheilt", ein weiteres Drittel sei dann so etwas wie Asexuell, also sexuell generell desinteressiert, was ebenfalls als Erfolg gefeiert wurde. Nur bei einem Drittel der Homosexuellen schlage die Therapie nicht an, erklärte Exodus.

Kürzlich, im Sommer 2013, folgte der Supergau: Der Leiter von Exodus International, Alan Chambers, verkündete öffentlich das Ende seiner Organisation und entschuldigte sich im Fernsehen und übers Internet in aller Form bei allen Menschen, die im Laufe der letzten 30 Jahre an den Exodus-Programmen teilnahmen. Die Reperativtherapie, wie sie auch genannt wird, sei «schädigend und traumatisierend», so Chambers. Ausserdem hätten sich die Erfolgszahlen als falsch erwiesen. Die allermeisten Klienten hätten nie eine echte, sondern bloss eine vorübergehende Veränderung erlebt; nur etwa 3-5% (!) sind gemäss Exodus auch nach vielen Jahren noch immer glücklich heterosexuell unterwegs, bzw. verheiratet. Nachfolgend ein Auszug aus Chambers' öffentlicher Entschuldigung:

«Ich bedaure den Schmerz und die Verletzungen, die viele von euch erlebt haben. Ich bedaure, das einige von euch über Jahre in Scham- und Schuldgefühlen gelebt haben, während sich eure Neigung doch nicht verändert hat. Ich bedaure, dass wir Behandlungsansätze und Theorien zur Veränderung der sexuellen Orientierung anpriesen, die Eltern stigmatisiert haben. Mehr als alles andere bedaure ich aber, dass so viele diese religiöse Ablehnung von Christen als Gottes Ablehnung interpretiert haben. Ich bedaure zutiefst, dass viele dadurch vom Glauben abgekommen sind und sich einige dafür entschieden haben, sich das Leben zu nehmen.»
(Quelle: www.alanchambers.org)

Chambers ist einer von vielen. Zahlreiche ehemalige Leiter solcher Organisationen, Seelsorger und Psychologen haben in letzter Zeit ähnliche Eingeständnisse gemacht. So zum Beispiel auch John Paulk, ehemaliger Leiter von «Love Won Out», einer Unterorganisation von «Focus on the Family». Nach seiner Seelsorgetherapie bei Exodus heiratete er seine Frau, mit der er drei Kinder hat und verfasste u.a. das Buch «Ich war schwul», welches von der Heilung seiner Homosexualität berichtet. Rasch avancierte dieses zum Standardwerk vieler Christen, die sich mit dieser Thematik befassten. Doch vor wenigen Jahren kursierten plötzlich Gerüchte über einen Rückfall Paulks. Kürzlich veröffentlichte er dann tatsächlich seine ernüchternde Stellungnahme: Paulk hat nie wirklich Veränderung erlebt, seine Gefühle konnte er bloss vorübergehend verdrängen. In seiner öffentlichen Entschuldigung distanziert er sich von seinen Büchern: «Ich rate jedem vom Kauf und Verkauf meiner Bücher und der Vermarktung meiner Ex-Gay Geschichte ab. Sie stellen nicht dar, wer ich wirklich bin und was ich heute glaube.», so Paulk.
(Quelle: www.christianitytoday.com)

Ist denn Veränderung überhaupt nicht möglich?

So generell möchte ich das nicht ausdrücken; diese Frage werde ich in einem weiteren Artikel differenzierter beleuchten. Meine Erfahrung, aber auch diejenigen von vielen anderen Menschen, die ich persönlich kenne, sowie die ernüchternden Fakten von Exodus und ähnlichen Organisationen sprechen allerdings für sich: Therapien, die auf eine Veränderung der sexuellen Orientierung abzielen, sind mit grösster Vorsicht zu geniessen, vielleicht auch gänzlich abzulehnen. Viel zu oft verschärfen solche Angebote die immense innere Zerrissenheit, anstatt sie zu lindern, was potenziell lebensgefährlich werden kann. Keine Frage: für Menschen, die Ihre Sexualität als problematisch empfinden, muss es unbedingt Seelsorge- und Beratungsangebote geben. Diese machen aber nur dann Sinn, wenn sie den Ratsuchenden lernen, sich selber vollumfänglich anzunehmen und mit allen Facetten zu lieben, ohne Anspruch darauf, die sexuelle Orientierung verändern zu wollen. Meine Depressionen, welche im Frühjahr 2012 noch einmal massiv stärker wurden, begannen erst ab dem Moment abzuklingen, als ich endlich zu lernen begann, auch meine Homosexualität als Teil von mir zu akzeptieren.






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